Aus aktuellem Anlass - gerade wird auf dem Blog der Brights der Dodo des Monats gewählt (deadline 31. Dezember) - möchten wir unsere Aufmerksamkeit Alexander Kissler widmen. Dieser arrivierte Kulturjournalist wird im nahen neuen Jahr vierzig Jahre alt werden. Bekanntlich heißt es, Schwaben würden beim Erreichen dieser Altersschwelle "gescheit" (= klug, weise). Zu unserem Bedauern ist Kissler jedoch ein Pfälzer Bub. Ob es trotzdem klappt? Wer nun meint, als Kulturjournalist, also als gebildeter Schöngeist hätte er solch eine Altersgnade ohnehin nicht nötig, müssen wir leider eröffnen: Weit gefehlt!
Es handelt sich bei Alexander Kissler nämlich um eine Spezies von Geistesarbeiter, die auf eine besonders lange, nicht immer rühmliche Tradition zurückblicken kann. Der leidenschaftliche Christ und feinsinnige Geist verficht die Sache der Katholischen Kirche, indem er diese lobt und ihre vermeintliche Konkurrenz mit den Waffen des Geistes zu schädigen sucht. Wo Vernunft und Wahrheit walten ist ihm völlig klar und der moderne Relativismus ist ihm ein bedenklicher Notstand. Dass der Zweck die Mittel bei dieser Sache besonders heiligt, steht für ihn ohne Zweifel fest, aber diese sind nun mal begrenzt. Deshalb tat Beschränkung not und so richtete er seinen Stachel nur gegen zwei Ketzergruppierungen, mit denen den Fehdehandschuh aufzunehmen er sich in seiner Eigenschaft als Hochkulturschreiberling als besonders prädestiniert empfand, nämlich die so genannten Neuen Atheisten mit ihrem gegenwärtigen Hauptprotagonisten Richard Dawkins ("Der Gotteswahn") und die Anthroposophen mit ihrem Erfolgsmodell Waldorfschule. Möglicherweise meinte er, dass das auch wegen Rudolf Steiners Beziehungen zu Dawkins Vorläufer Ernst Haeckel gut zusammenpasse.
Jedem Tierchen sein Plaisirchen, würde man nun gerne sagen. Das wirklich Erstaunliche bei dem Ganzen ist jedoch, dass dieser Journalist seinen Feldzug für den ihn und alle Menschen seiner scheinbaren Meinung nach allein selig machenden Glauben nicht in irgendwelchen abgelegenen Missionspostillen, sondern mitten in den Feuilletons angesehenster Zeitungen führen darf. Na sowas. Geht das noch mit rechten Dingen zu? Man stelle sich nur mal vor, was los wäre, würde ein durchgeknallter anthroposophischer oder neo-atheistischer Journalist - nur angenommen es gäbe einen solchen - in der Süddeutschen Zeitung oder der FAZ gegen die Katholische Kirche und ihre Schulen hetzen dürfen.
Ist es übertrieben, wenn die Nachsichten hier ein Verb wie "hetzen" verwenden? Wir meinen, dass das noch nicht angebracht wäre, wenn es nur darum ginge, dass er über eine anthroposophiekritische Tagung in Berlin, zu deren Zuhörerkreis er offenbar gehörte, in anthroposophiekritischer Weise in der Süddeutschen Zeitung berichtete (SZ 25.07.2006) auch wenn man sich schon wundert, dass er die dubiose Vorgeschichte der Veranstaltung keiner Silbe wert erachtete. Aber dass ein Journalist die Stirn hat, durch gezieltes Verschweigen von Informationen den Lesern der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und der Süddeutschen Zeitung (FAS 09.07.2007, SZ Online 08.07.2007) zu suggerieren das Ergebnis einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen habe ergeben, dass Waldorfschüler gewalttätiger seien als Schüler anderer Schulformen, wenn die Studie das gerade Gegenteil - wen wundert das eigentlich? - ergeben hat, muss seltsam anmuten. Der Leiter dieses Instituts musste auf die verzerrende Darstellung mit einer Richtigstellung reagieren und stellte unter anderem fest, dass Kissler seiner journalistischen Sorgfaltspflicht nicht nachgekommen sei. Auch seine Besprechung des seiner Natur nach einseitig waldorfkritischen "Schwarzbuch Waldorf" aus der Feder von Enthüllungsjournalist Michael Grandt mutete zahlreiche Leser, auch solche die nur wenige Berührungen mit der Waldorfszene haben, geradezu schrill an (SZ 05.09.2008). Zu auffallend ist, dass er seine Rezension an diesem offenkundig schlecht geschriebenen und miserabel recherchierten Anti-Waldorf-Produkt, wiederum als Chance nutzte, sein Register an Negativ-Klischees abzuarbeiten und die extremen, aber tapsigen Fragestellungen des Buches gleichsam durch seine Zustimmung zu adeln.
Aus diesem Grund haben die Nachsichten bereits bei den Brights abgestimmt. Kissler verdient es, der Dodo des Monats zu werden, mindestens das. Er steht ja auch schon ganz oben auf der Liste.