Vor Jahren ergab sich mal folgender Kurzdialog zwischen zwei anthroposophischen Freunden von uns über die Frage nach der Realität von Steiners geistigen Schauungen:
A: "Gibt es eigentlich einen Engel, bevor er 'geschaut' worden ist?"
B: "Natürlich nicht. Aber gilt das nicht für alles, was wir wahrnehmen?"
Wer hier eine Nähe zum Konstruktivismus sieht, liegt richtig. Die beiden Weltanschauungen sind nicht identisch, haben aber durchaus Berührungs- und Überschneidungspunkte, je nachdem, wie man
den Konstruktivismus auffasst.
Steiners geistiger Kosmos ist der Versuch einer Veranschaulichung von seelischen Erlebnissen. Nicht mehr - aber eben auch nicht weniger.
Nun könnte man einwenden:
Aber dann ist das ja alles total subjektiv!
Stimmt –
in der Form ist es total subjektiv: Es ist die individuelle Erzählung von einem, der auszog, die menschliche Innenwelt in Form von frei gemalten übersinnlichen Bildern zu beschreiben. Im Kern dieser Beschreibungen liegt aber möglicherweise etwas, das überpersönlich, das objektiv ist, trotzdem es ausschließlich subjektiv erfahren und vermittelt werden kann. So wie "Liebe" eine Beschreibung für ein Erleben ist, das einen wesentlichen, objektiven Kern hat, obwohl es sich individuell ganz unterschiedlich zeigt, ist beispielsweise Steiners Ahriman-Bild Ausdruck für ein Erleben, über dessen zugrunde liegendes Wesen wir uns verständigen können, obwohl jeder es individuell anders erfahren wird.
Die in Steiners teilweise auf der christlich-esoterischen Tradition fußenden Kosmologie entsprechend konsistent verwendeten Namen und Bilder scheinen uns heute eher ein Hindernis auf dem Weg zu einer solchen Verständigung zu sein. Andererseits würde auch niemand auf die Idee kommen, die Werke eines vor hundert Jahren verstorbenen Landschaftsmalers zu korrigieren, weil heute andere Maltechniken und überhaupt ein ganz neuer Ansatz zur Anwendung kommen.
Was also tun?
Mehreres. Am wichtigsten finden wir, ein grundsätzliches Verständnis für das zu vermitteln, was Anthroposophie überhaupt ist und ihr damit die Chance zu geben, als das wahrgenommen zu werden, was sie sein will und kann. Wir sind es leid, Schattenbox-Debatten der Marke "War Steiner ein Scharlatan?" oder "Die anthroposophische Welt bricht zusammen, wenn man den Hellseher kritisiert" mit anzusehen oder – jottbewahre – gar zu führen. Es ist einfach grauselig, permanent mit Leuten konfrontiert zu sein, die ihre eigene Phantasielosigkeit mit aufgeklärter Intelligenz verwechseln und die Bretter vor ihren Köpfen für Teile des Verschlages halten, in dem sich ihrer Ansicht nach das anthroposophische Leben abspielt. Allerdings hat auch jeder die Kritiker, die er verdient – und insofern wollen wir das uns Mögliche beitragen, um irgendwann irgendwoher bessere zu bekommen.